De Duitse schrijfster Irina Korschunow werd geboren op 31 december 1925 in Stendal in Sachsen-Anhalt. Zie ook alle tags voor Irina Korschunow op dit blog
Uit: Glück hat seinen Preis
„Es gibt ein Bild von meiner Mutter, das Bild mit dem Fächer. Siebzehn war sie damals. Sie steht neben einem Sessel, den Kopf zur Seite geneigt, Blumen im Haar, den halbgeöffneten Reiherfächer in der linken Hand und das Kleid voller Spitzen.
»Echte Chamonixspitzen, Janne«, sagte sie jedesmal, wenn wir das Bild ansahen. Irgendwann, als ich klein war, muß es eine Zeit der Fotografien gegeben haben, tagelanges Wühlen in dem gelben Karton, Geschwister, Eltern, Tanten, Onkel, quer durch die Zeiten. »Onkel Justus mit drei Jahren. Und Tante Mieke als Baby. Und das ist die Hochzeit von Onkel Hans. Dahinten steht Tante Lena, sie ist auch schon längst verheiratet. Großvater Peersen? Der lebte damals doch nicht mehr. Aber hier, er und Großmutter Marie, noch ganz jung. Und das bin ich, mit dem Fächer . . .«
Die Stimme meiner Mutter, die Bilder und die Ge- schichten zu den Bildern. Wir sitzen im Wohnzimmer unter dem rosa Lampenschirm. Sie hat den Arm um mich gelegt, und alles an ihr ist rund und warm und weich. Ich bohre meinen Finger in ihr Doppelkinn, und sie schiebt ihn weg und sagt: »Woher ich das nur habe! Bei meiner Mutter ist es mir nie aufgefallen. Aber sie mußte ja auch
schon mit achtunddreißig sterben.«
Wie alt war ich damals? Vier vielleicht, und meine Mutter Mitte Vierzig, wie ich heute. Nur die Art, wie sie den Kopf auf die Seite legt, und die Augen erinnern noch an das Mädchen im Spitzenkleid.
»Echte Chamonixspitzen. Ich habe es zum Ball in der ›Harmonie‹ bekommen, das schönste Kleid, dein Großvater Peersen wollte das. Wir sollten die schönsten Kleider anhaben, meine Mutter und ich. Gott, war er stolz, als er mit uns in den Ballsaal ging, rechts meine Mutter, links ich, und dieser Glanz, diese Lichter. Nie wieder habe ich so etwas erlebt, so ein Fest.«
Achtundsechzig Jahre später ist sie gestorben. Bevor sie das Bewußtsein verlor, ihre Hände waren schon ruhig geworden, sah sie mich noch einmal an.“

Irina Korschunow (Stendal, 31 december 1925)
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