De Italiaanse schrijver Andrea De Carlo werd geboren in Milaan op 11 december 1952. Zie ook alle tags voor Andrea De Carlo op dit blog.
Uit:Villa Metaphora (Vertaald door Maja Pflug)
“Von der Schiffsbriicke blickt Lara Laremi auf die glitzernde Weite des Meeres. Das grelle Licht bricht sich vielfach auf der Wasserfläche, dringt durch die dunklen Gläser ihrer Sonnenbrille, überflutet ihre Gedanken. Es ist der einundzwanzigste Juni, Sommeranfang, der längste Tag des Jahres, der Tag, an dem die Sonne ihren Höchststand erreicht, und der einzige Tag, an dem die Sonne am nördlichen Polarkreis nie untergeht. Zwar sind das hier technisch gesehen italienische Gewässer, doch die geographische Breite ist afrikanisch, und das merkt man: Es sind etwa vierzig Grad, ihre alte Sonnenbrille und der in einem kleinen Geschäfl am Hafen von Lampedusa erworbene Strohhut schützen sie nur ungenügend. Hier und da auf dem Schiff haben sich Leute mit Schirmmützen, Getränken, Brötchen, MP3-Playern, Zigaretten niedergelassen. Vier Kinder albern herum, rennen hin und her und schubsen sich, lauthals getadelt von Müttern, die jedoch keine ernsthaften Anstalten machen, die Sprösslinge zu zügeln. Zwei Männer in kurzen Hosen rauchen und blicken sich träge um, zwei von der Sonne schon krebsrote Frauen reiben sich ständig mit Cremes und Lotionen ein. Lara Laremi tritt in den Schatten eines Vordaehs, setzt sich auf eine rostige weiße Metallkiste und zieht die Beine an. Ihre Mutter wirft ihr bei jedem Streit ihren »italienischen Charakter-z vor, den sie rein genetisch von ihrem Vater geerbt habe, doch an der irischen Herkunft ihrer Haut besteht keine Zweifel. Selbsr wenn sie sich der prallen Sonne ausset2te, wiirde sie wahrscheinlich eher einen Sonnenstieh bekommen, als braun zu werden, und ihre Sommersprossen würden in wenigen Tagen so zunehmen, dass sie aussähe wie eine kleine Giraffe. Sie lässt ihren Blickschweifen, schnuppcrt in der Luft; je nach Windrichtung riecht es nach Salz, Schweiß, schlechtem Parfüm, Dieselabgasen aus dem rußigen Schlot.
Sie fragt sich, ob es eine gute Idee war, Lynn Lou Shaws Einladung anzunehmen, eine Woche mit ihr auf der Insel Tari zu verbringen, als Freundin, Vertraute und Stütze für deren schwankendes psychisches Gleichgewicht. Wamm hat sie sich verpflichtet gefühlt, auf die Forderungen einer verwöhnten, labilen Schauspielerin einzugehen, die alle anderen Castmitglieder nicht ausstehen können oder sogar hassen? Nun, sie neigt dazu, Gelegenheiten, die das Schicksal ihr bietet, beim Schopf zu packen, da sie meint, sie könnten vielleicht einen verborgenen, tieferen Sinn haben.“

Andrea De Carlo (Milaan, 11 december 1952)








